München macht’s vor: So könnte die Zukunft der Mobilität aussehen
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Welche Innovationen die Zukunft der Mobilität voranbringen könnten, daran wird beim Mobilitätscluster MCube geforscht. Die Wissenschaftler nutzen dabei die Möglichkeiten der Stadt München und ihres digitalen Zwillings.
Es geht nicht um die Mobilität der Zukunft, sondern vielmehr um die Zukunft der Mobilität. Semantisch sei das vielleicht nebensächlich, doch für Oliver May-Beckmann ein kleiner, feiner Unterschied. „Die Mobilitätswende an sich ist nicht das eine übergreifende Ziel. Wir glauben, es braucht einen Dreiklang von Antriebswende, Verkehrswende und Mobilitätswende“, sagt der Geschäftsführer des MCube, kurz für das Münchner Cluster für die Zukunft der Mobilität in Metropolregionen. Man überlege nicht, ob wir alle 2035 im Hyperloop in die Innenstadt fahren würden oder mit Flugtaxis oder mit dem Fahrrad. „Uns stellt sich die Frage, wie sieht das Mobilitätssystem der Zukunft aus?“, erklärt May-Beckmann. „In diesem Mobilitätssystem wollen wir die Qualität des Raums, die Qualität der Luft und die Qualität der Zeit verbessern. Für die gesamte Gesellschaft.“ Um das zu erreichen, arbeiten bei MCube als Teil der Zukunftscluster-Initiative der Bundesregierung Forschende der Technischen Universität München mit der Landeshauptstadt und insgesamt 50 Partnern aus Industrie und Gesellschaft in einem Mobilitätscluster zusammen. „München wird im Auftrag der Bundesregierung zum Zukunftslabor“, sagt der MCube-Geschäftsführer. Aber es gehe nicht darum, etwas im Labor zu testen, sondern die Stadt und den öffentlichen Raum zu nutzen, um die Mobilitätsantworten der Zukunft zu erproben und in die Umsetzung zu bringen.
Denn gerade was die Weiterführung solcher Projekte angeht, hinken wir hierzulande hinterher. Laut May-Beckmann geben wir in Deutschland mehr Geld pro Kopf für Forschung aus als die USA. „Wir forschen viel mehr und umfangreicher und haben eigentlich mehr Wissen. Aber wir verlieren im Vergleich zu den USA, wenn es um die Umsetzung geht.“
"Wie sieht das Mobilitätssystem der Zukunft aus?"
Geschäftsführer MCube
Ein Thema, woran bei MCube intensiv geforscht wird, ist das Autonome Fahren. „Das ist für uns ein wirklicher Gamechanger und zwar das Autonome Fahren bei ÖPNV und Logistik“, sagt May-Beckmann. „Wenn wir da jetzt schnell und gut vorankommen, können wir die zukünftige Mobilität mitgestalten.“ In den USA würden zwar täglich mehr autonome Shuttle fahren als in Europa, dabei gehe es aber um die Taxigröße.
Bei einem anderen MCube-Projekt wurde ein Instrument entwickelt, das es Verwaltungen ermöglichen soll, Mobilitäts- und Infrastrukturmaßnahmen besser planen zu können. „Wir können analysieren, was vorher weltweit noch keiner gemacht hat, was ein Kilometer Tram in München die Gesellschaft in 10, 20, 50 Jahren kostet“, erklärt May-Beckmann. Die Vollkosten-Perspektive soll es leichter machen, politische Entscheidungen zu treffen. „Mit so was hat man einen riesen Einfluss darauf, wie die Zukunft der Mobilität gestaltet wird, weil bessere Entscheidungen getroffen werden.“
Digitaler Klon hilft bei verschiedenen Vorhaben
Die Stadt München nutzt für ihre Planungen bereits seit mehreren Jahren ein Instrument, das der Geodatenservice – früher hieß es Vermessungsamt – entwickelt hat: den digitalen Zwilling. Aus vorhandenen Stadtkarten, Plänen, Luftbildern, 3D-Stadtmodellen und Kataster-Daten ist ein digitales Abbild der bayerischen Landeshauptstadt entstanden. Dieses ermöglicht, Planungen realitätsgetreu darzustellen. Das macht es für die Stadtverwaltung unter anderem in der Öffentlichkeitsbeteiligung einfacher. „Wenn wir eine Straße umbauen möchten, zeigen wir nicht mehr eine Querschnittsansicht, die für die Bürgerinnen und Bürger nicht wirklich verständlich ist, sondern visualisieren mit 3D“, erklärt Markus Mohl vom Geodatenservice der Stadt München. Häufig werden Planungen auch als Video online gestellt, damit man sie besser nachvollziehen kann. „Das Entscheidende dabei ist, dass das städtische, amtliche Daten sind, nicht irgendeine Visualisierung von einer Agentur. Das ist alles gemessen.“ Die Grundrisse der Gebäude stammen aus dem Kataster, selbst die Bäume sind aufgenommen. Bei Veranstaltungen mit Bürgern fördere das eine positive Gesprächsatmosphäre, „weil wir ihnen nichts vorgaukeln. Wir lassen keine Schmetterlinge oder Vögel durch die Szene fliegen, damit es möglichst toll aussieht. Wir zeigen das genauso mit den Daten, die wir als Stadtverwaltung haben“, erklärt Mohl. Das sei ein großer Vorteil, durch den die Teilnehmenden sich mitgenommen fühlen würden.
Mit Hilfe des digitalen Zwillings konnte das Mobilitätsreferat zum Beispiel die Ideen und Planungen des Münchner Radentscheids anschaulich darstellen. Einige der Projekte befinden sich bereits in der Umsetzung. Aber auch bei anderen Themen ist das doppelte Lottchen von München eine große Unterstützung. So konnten Klimasimulationen der Stadt gemacht werden, um die Altstadt klimaresilienter zu gestalten. „Die Münchner Altstadt ist geprägt durch viel Denkmalschutz, aber auch durch viel versiegelte Fläche und viele Hitzeinseln“, beschreibt Mohl die Lage. Durch die Simulation konnten Hotspots identifiziert und über die Simulation berechnet werden, wie sich die Situation durch Baumpflanzungen oder Fassaden-Begrünung verändern würde. Dabei spielt auch Virtual Reality eine Rolle, denn durch eine VR-Brille kann man die neue Szenerie noch realer erfahrbar machen.
Weniger Luftschadstoffe und bessere Einsatzplanung
Für den Klimaschutz eine große Rolle spielen auch Luftschadstoffmodelle und Starkregen-Simulationen. Bei Ersterem sind MCube und die TU München mit im Boot. Dort entwickeln Forschende gerade einen dynamischen digitalen Zwilling von München, der in Echtzeit darstellen soll, wie sich Veränderungen auf den Verkehr auswirken könnten. „Dieses digitale Ökosystem, die digitale Datengrundlage ist wichtig für innovative Projekte, um vorausschauend und schneller agieren zu können“, erläutert Mohl. Beim Projekt DatSim werden derzeit komplexe Realdaten erhoben, um daraus ein dynamisches Modell zu entwickeln. „Mit Hilfe unseres Modells wollen wir einen Blick in die Zukunft der Mobilität von München werfen und Was-wäre-wenn-Szenarien berechnen“, erklärt Projektleiter Fabian Schuhmann. Die Emissionsmodellierung sei eine Motivation für die Mobilitätswende.
Aber es gibt noch einen zweiten Anwendungsfall für den dynamischen digitalen Zwilling: das Rettungswesen. „Wir wollen uns anschauen, welche Auswirkungen haben Veränderungen der Mobilität auf die Feuerwehr in Zukunft und wie können wir diesen heute schon begegnen. Dafür entwickeln wir ein Planungswerkzeug“, erläutert Schuhmann. Wie verändert sich die Erreichbarkeit des Stadtgebietes, wenn sich auf gewissen Straßen die Geschwindigkeit der Einsatzfahrzeuge reduziert? Welche Wache muss in Zukunft welches Gebiet bedienen? Fragen, die für die Stadtverwaltung von enormer Bedeutung sind. „Wenn wir jetzt die Straße umbauen, kommen Feuerwehr und Krankenwagen noch durch? Brauchen wir mehr zentrale Feuerwachen, damit die Rettungskräfte in zehn Minuten am Einsatzort sind?“, zeigt Mohl auf. Das Tool soll es ermöglichen, das aktuelle System zu beobachten und Daten aufzuzeichnen. „Im zweiten Schritt steckt dahinter eine Simulation, um die Konsequenzen von verschiedenen Eingriffen auf lokaler Ebene auf das gesamte System beurteilen zu können“, sagt DatSim-Projektleiter Schuhmann.
"Dieses digitale Ökosystem ist eine wichtige Grundlage für innovative Projekte."
Geodatenservice der Stadt München
Dabei helfen die vorhandenen Daten des digitalen Zwillings, denn dort wird die Stadt mitsamt seiner logischen Informationen dargestellt. Das heißt, auch die Beziehungen und die darin geltenden Regeln des Straßenraums sind hinterlegt. „Die städtischen Geodaten sind eine ganz wesentliche und wichtige Grundlage für den urbanen digitalen Zwilling“, sagt der Leiter der Abteilung Geodienste und Digitaler Zwilling, Markus Mohl. Damit könnten auch andere Städte loslegen, es brauche dafür nicht mal unbedingt ein 3D-Stadtmodell. Auch in München sei der digitale Zwilling durch Anwendungsfälle getrieben entstanden. So gibt es zum Beispiel keinen unterirdischen Klon der Landeshauptstadt, da es bisher keinen Use Case dafür gibt.
Von München auf andere Städte übertragen
Von der Kooperation mit der Stadt München verspricht sich MCube-
Geschäftsführer Oliver May-Beckmann sehr viel: „Wir glauben, wenn wir das in München hinkriegen, dann werden das auch alle anderen Städte benutzen wollen. So können wir schneller und besser unsere Städte umbauen.“ Und dann ist die Zukunft der Mobilität vielleicht gar nicht mehr so weit weg.
„Ich bin fasziniert davon, was in München alles passiert und dass so innovativ an der Zukunft der Mobilität gearbeitet wird.“
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